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Vom Hafen zur Urban Utopia: Wie internationale Studierende Magdeburgs Wissenschaftshafen neu erdachten

Wie sieht die Stadt von morgen aus? Elf Tage lang suchte im August eine Gruppe internationaler Studierender an einem ganz bestimmten Ort nach einer Antwort: im Magdeburger Wissenschaftshafen.

Obwohl der Wissenschaftshafen eine Erweiterung des Universitätscampus ist, wissen dasviele Studierende oft gar nicht. Genau diese Lücke zwischen dem, was der Wissenschaftshafen sein könnte, und dem, was er derzeit ist war der Ausgangspunkt für URBAN UTOPIA – Cities in the Making – CoCreating CulturalSpaces, ein Blended Intensive Programme im Rahmen der EU-GREEN-Allianz. Studierende, die 25 verschiedene Nationalitäten aus neun Partneruniversitäten repräsentierten, verbrachten vom 9. bis 19. August ihre Zeit lebend, lernend und gestaltend im und rund um den Hafen. Ihr Auftrag war denkbar einfach: Kommt her und sagt uns, was fehlt.

„Der Wissenschaftshafen war ja auch immer als Erweiterung des Campus gedacht, oder der Campus soll ja auch in den Wissenschaftshafen erweitert sein”, erklärt Jana Richter, die Organisatorin dieses Blended Intensive Programme. „Aber noch wissen auch ganz viele Studierende nicht, dass der Wissenschaftshafen zum Campus gehört. Und es ist noch relativ wenig für Studierende dort. Und deswegen fand ich es interessant, Studierende herzubringen und ihnen zu sagen: Okay, was fehlt denn hier? Was bräuchtet ihr denn, um hierherzukommen? Und findet ihr diesen Ort interessant? Und würdet ihr euch hier gerne aufhalten – oder warum nicht?”

Ein Hafen mit frischem Blick

Das Programm begann nicht bei null. Online-Sitzungen im April, Juni und Juli hatten der Gruppe bereits ein gemeinsames Vokabular und erste Ideen vermittelt, bevor überhaupt jemand einen Fuß nach Magdeburg gesetzt hatte. Doch die eigentliche Begegnung mit dem Ort fand am ersten Tag statt: eine öffentliche Schnitzeljagd durch die Geschichte des Wissenschaftshafens. Diese Aktivität ermöglichte es den Studierenden, den Raum zu erkunden und zu spüren, wie er sich für sie anfühlt und lieferte Inspiration für die kreative Arbeit, die im weiteren Verlauf des Programms folgen sollte. Bewusst war die Veranstaltung auch für die breite Öffentlichkeit geöffnet, nicht nur für die Teilnehmenden, sodass der erste Tag ebenso sehr ein Gemeinschaftsereignis wie eine Orientierungsübung wurde.

Die ersten Eindrücke vom Hafen fielen sehr unterschiedlich aus – und gerade diese Vielfalt erwies sich als aufschlussreich.

„Als ich nach Magdeburg aufbrach, wurde mirgesagt, es sei eine sehr heruntergekommene, alte Stadt, in der nichts los sei”, sagt Naoise, Studentin des Construction Management aus Irland. „Aber als ich dann tatsächlich ankam, habe ich gemerkt: Oh mein Gott, nein, es ist so viel mehr. Da wird ständig etwas geplant, alle schauen auf den Wissenschaftshafen, um ihn wirklich voranzubringen und Menschen herzuholen.”

Kasper, ein schwedischer Student des Industriedesigns, fand darin eher eine melancholische Schönheit: „Es waren wirklich diese alten Gebäude, die Lagerhäuser und all die Boote – man hat quasieine vergangene Ära des Ortes gesehen. Ich fand es sehr schön.”

Für Krissi, eine Studentin der OVGU aus Magdeburg selbst, war der Hafen nichts Neues, doch ihre Gefühle dazu veränderten sich im Laufe des Programms. „Ich dachte wirklich, das sei so ein verlorenes Gebiet, wirklich leere Flächen”, sagt sie. Am Ende jedoch: „Ich fühle mich jetzt ein bisschen hoffnungsvoller, was die Zukunft des Wissenschaftshafens angeht.”

Vormittags Theorie, nachmittags Machen

Nach der Schnitzeljagd begann das eigentliche Programm, nach einer interessanten Zwei-Spuren-Struktur, die sich als einesseiner prägendsten Merkmale herausstellte. Jede*r Teilnehmende wählte ein Seminar, das vormittags stattfand und in einer akademischen Disziplin verankert war, und kombinierte es mit einem Workshop am Nachmittag, der in einer kreativen oder künstlerischen Praxis verwurzelt war. Fünf davon liefen jeweils parallel:

Seminare: „More than Human” –Building an Outdoor Office · Human Rights and Social Inclusion Using Sports for All · Living Meeting Places · Saving and Distributing Water in TransPort · From Vision to Action

Workshops: Urban Sketching and Linocut · Music Production · Comedy without Words · Embodiment · Creative Writing

Zusammenarbeit (Bild: Jana Richter, OVGU)

Diese Kombination war kein Zufall. „Ich hatte die Idee, dass ich gerne Akademisches mit Künstlerischem vermischen würde, also so ein bisschen Performative Social Science”, erklärt Jana Richter. „Weil ich finde: Akademisch zu arbeiten ist eine Sache, aber das dann eben ins Künstlerische zu übersetzen, ist nochmal was ganz anderes. Und man kann damit einfach viel mehr, oder eben auch andere Leute erreichen.” Rund die Hälfte der Seminar- und Workshopleitenden meldete sich über das EU-GREEN-Netzwerk selbst, der Rest wurde aus dem eigenen Netzwerk der Organisatorin in Magdeburg besetzt.

Für die Studierenden zählte oft die Kombination selbst genauso viel wie die einzelnen Wahlmöglichkeiten. Julian, ein portugiesischer Architekturstudent, kombinierte ein wassertechnisches Seminarmit Musikproduktion. „Es schien einfach naheliegend”, sagt er, „und die Chance, ein neues Land kennenzulernen, warum nicht?” Er stellte fest, dass die Lektionen des Seminars über Gründächer und Wasserverteilung sich direkt auf Probleme übertragen ließen, über die er als Architekt bereits nachdachte. Kasper, der im Seminar Outdoor Office arbeitete, war beeindruckt davon, wie schnell aus Ideen etwas Greifbares wurde: „Wir hatten in so kurzer Zeit so große Ergebnisse, und irgendwie haben wir es geschafft, das gemeinsam mit allen wirklich gut hinzubekommen. Ich war wirklich überrascht vom Endergebnis. Es war viel mehr, als ich erwartet hatte.”

In der Mitte des Programms war Raum zum Innehalten eingeplant. Am Samstag, den 15. August, stand ein Tagesausflug nach Teufelsberg in Berlin auf dem Programm – eine ehemalige Abhörstation des Kalten Krieges, errichtet auf dem Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs und heute übersät mit Streetart: ein lebendiges Beispiel dafür, wie ein aufgegebener Ort von seinen Nutzenden neugestaltet werden kann.

Die Zusammenarbeit über so unterschiedliche Länder, Fachrichtungen und Erwartungen hinweg war für viele Studierende derbeste Teil der Erfahrung. „Man muss verstehen, auf welchem Bildungsniveau die anderen sind, wofür sie sich interessieren, was ihnen Spaß macht”, sagt Julian und vergleicht das mit der Gruppenarbeit zu Hause, wo man sich bereits kennt. „Man kann niemanden zu etwas zwingen, das er nicht will, aber man muss die Leute auch aus ihrer Komfortzone herausholen.”

Für Krissi, die OVGU-Studentin, lag der Höhepunkt darin, ihre eigene Stadt mit den Augen der internationalen Teilnehmenden sehen zu können. „Wir nennen das auf Deutsch Betriebsblindheit – blind zu werden für Dinge, die man ständig sieht”, sagte sie. „Wenn Menschen dabei sind, die die Gegend, den Ort, die üblichen Denkweisen des Studiums nicht kennen, ist es wirklich schön, zusammenzukommen und sich einfach auszutauschen und etwas Neues und Kreatives einzubringen.”

Jana Richter, die das von außen beobachtete, war überrascht, wie schnell sich die anfänglichen Grüppchen auflösten. „Am Anfang war das eben noch die Gruppe der Schweden und die Gruppe der Deutschen”, sagt sie. „Und dann schon am Dienstag, also zwei Tage später, haben die Gruppen angefangen sich zu mischen, und alle redeten mit jedem und jede*r arbeitete mit jedem. Unser Timetable, unser Schedule war sehr, sehr voll – wir hatten ja immer Vormittagsseminar, Nachmittagsworkshops. Das haben aber alle super durchgehalten,und es sind ganz, ganz viele tolle Sachen entstanden. Ich hätte nicht gedacht, dass so viel Neues entsteht.”

Linocut (Bild: Jana Richter, OVGU)

AHOI ZUKUNFT: Die Zukunft des Wissenschaftshafens präsentieren

Alles lief auf AHOI ZUKUNFT – Ideen für den Wissenschaftshafen von morgen zu, ein öffentliches Festival im Wissenschaftshafen am 19. August ab 15 Uhr. Die internationalen Teams präsentierten, was sie entwickelt hatten, ihre Ideen und Visionen für die Zukunft des Wissenschaftshafens sowie die Ergebnisse der Woche, vor Magdeburger*innen, Forschenden und geladenen Gästen. Der Ort selbst wurde so zur Ausstellungsfläche für elf Tage Arbeit.

Eine Präsentation (Bild: Caroline HAke, OVGU)

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einer bewegenden musikalischen Darbietung zweier Teilnehmender, die sich während des Programms kennengelernt und gemeinsam im Musik-Workshop gearbeitet hatten. Anschließend, während jede Gruppe ihre Arbeit vorstellte, sah das Publikum Modelle dazu, wie sich der Wissenschaftshafen weiterentwickeln könnte – mit Blick auf die Nutzer*innen und auf Nachhaltigkeit: Wasser sparen, Materialien wiederverwenden und dafür sorgen, dass das Gebiet für unterschiedliche Zielgruppen attraktiver wird.

Ein Höhepunkt des Festivals war es, selbst zu erleben, was in den Workshops gelernt worden war. Das Publikum konnte aktiv werden und an gemeinsamen Sportaktivitäten sowie einer Embodiment-Übung teilnehmen.

Sport-Aktivitäten (Bild: Caroline Hake, OVGU)

Richter machte deutlich, dass das Festival nicht der Schlusspunkt ist. Alle Ideen, die in den elf Tagen entstanden sind, werden in einem gedruckten Buch zusammengefasst, nicht nur als PDF, wie sie betont,sondern als physisches Werk mit den Modellen, Grafiken und den von den Studierenden selbst verfassten Erläuterungen ihrer Konzepte. Exemplare sind fürdie Oberbürgermeisterin und für das städtische Amt für Stadtentwicklung vorgesehen. „Dieses Buch wird verteilt”, sagt sie. „Ein Exemplar geht an die Bürgermeisterin, eins geht in den Stadtrat beziehungsweise in die Abteilung Stadtentwicklung.”

Was mit nach Hause genommen wird

Bei einem Programm, das sich um ein ganz bestimmtes Stück Magdeburger Hafen dreht, erkannten mehrere Studierende schnell, wie sich die Ideen übertragen ließen. Naoise, aus der Hafenstadt Sligo, zog eine direkte Linie zurück in ihre Heimat: „Wir haben viel Grünfläche, mit der nichts passiert – ich bin sicher, [unsere Dozentin] wollte Menschen nach Sligo bringen, weil sie auch weiß, dass es dort eine Gegend gibt, die so viel mehr sein könnte, wenn nur eine Gruppe von Leuten eine Idee entwickeln würde, und die Idee, Investor*innen einfach die Augen zu öffnen. Das ist alles, was es braucht.”

Gefragt, was sie über das Projekt hinaus mitnehmen würde, zögerte Krissi nicht: „So viel. Persönlich viele neue Freundschaften, viele neue kulturelle Erfahrungen. Akademisch vielleicht, dass ich mich neuen Bereichen zuwende und versuche, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. ”Dann, leiser: „Gefühlsmäßig, eine Mischung aus Glück und Traurigkeit zugleich. Glück, einfach Teil von alldem zu sein und all die wunderbaren Menschen kennenzulernen – und dann Traurigkeit, das alles wieder hinter sich zu lassen.”

Richters eigenes Schlusswort reichte weit über den Hafen hinaus. Unter den 25 Nationalitäten im Raum waren auch Studierende ausder Ukraine und aus Russland. „Auf der politischen Ebene ist das eine Sache”, sagt sie. „Aber wir hier haben alle zusammengearbeitet. Und zwar ganz friedlich, und wir haben uns alle verstanden, und jeder wurde mitgenommen, und alle hatten Spaß zusammen. Dieses Miteinander funktioniert eben doch besser als allein. Diesen Spruch – zusammen sind wir stärker als jeder allein – kennt natürlich jeder. Aber hier ist es der Beweis, dass alle zusammenarbeiten können, egal was gerade in welchem Land auf politischer Ebene los ist. Die Menschen schaffen es, zusammenzukommen, sich kennenzulernen, sich zu verstehen und zusammenzuarbeiten.”

AHOI ZUKUNFT (Bild: Caroline Hake, OVGU)

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